Wer kann und wer sollte in Polen ein Testament verfassen?

In diesem Beitrag gebe ich einen Überblick darüber, was Testierfähigkeit bedeutet und was mit einem Testierwillen gemeint ist. Zudem adressiere ich die Frage: Wer kann und wer sollte in Polen ein Testament verfassen?

Testament verfassen

Wer kann in Polen ein Testament verfassen?

Nach polnischem Recht ist eine Person, die das 18. Lebensjahr vollendet hat und nicht (ganz oder teilweise) entmündigt ist, testierfähig. Der Erblasser muss zum Zeitpunkt der Errichtung des Testaments testierfähig sein. Wichtig ist: Der spätere Verlust oder Erwerb der Testierfähigkeit berührt nicht die Gültigkeit eines früher errichteten Testaments.

Beispiel:                          
1. Der Erblasser hat im Jahr 2000 ein Testament errichtet. In der Folge erkrankte er psychisch und wurde 2020 vollständig entmündigt. Er starb im Jahr 2021. Das von ihm errichtete Testament ist gültig.
2. Der Erblasser hat im Jahr 2000 im Alter von 15 Jahren ein Testament errichtet. Er stirbt im Jahr 2023. Sein Testament bleibt ungültig.

Testierfähigkeit allein ist nicht ausreichend. Der Erblasser muss einen Testierwillen haben, d. h. das Bewusstsein, dass er das Schicksal des Nachlasses für die Zeit nach dem Tod regelt.

Der Wille, über den Nachlass im Todesfall zu verfügen, muss fehlerfrei getroffen und geäußert werden. Nach Artikel 945 § 1 des polnischen Zivilgesetzbuches ist ein Testament nichtig, wenn es unter folgenden Umständen errichtet worden ist:

  • in einem Zustand, der eine bewusste oder freie Willensbestimmung und Willensäußerung ausschließt;   
  • unter dem Einfluss eines Irrtums, der die Vermutung begründet, dass der Erblasser ein Testament dieses Inhalts nicht errichtet hätte, wenn er nicht unter dem Einfluss des Irrtums gehandelt hätte;
  • unter dem Einfluss einer Drohung.

Die Person, die ein Testament errichtet, muss bewusst (in Kenntnis dessen, was sie tut) und frei (ohne Beeinflussung durch eine andere Person) handeln. Ein Verstoß gegen diese Regeln kann dazu führen, dass das Testament nach dem Tod des Erblassers für nichtig erklärt wird. Ähnlich verhält es sich, wenn das Testament unter dem Einfluss eines Irrtums oder einer Drohung errichtet wurde.

Auf die Nichtigkeit des Testaments aus den vorgenannten Gründen kann man sich nach Ablauf von drei Jahren seit dem Tag, an dem der daran Interessierte vom Grund der Nichtigkeit erfahren hat, und in jedem Fall nach Ablauf von zehn Jahren seit dem Erbfall nicht mehr berufen.

Gemäß Artikel 942 des polnischen Zivilgesetzbuches darf ein Testament nur die Verfügungen eines Erblassers enthalten.  Das bedeutet, dass gemeinschaftliche Testamente, d. h. Testamente, die von zwei Personen (z. B. Ehemann und Ehefrau) errichtet werden, nichtig sind.

Ein Testament darf nicht durch einen Vertreter errichtet oder widerrufen werden.

Wer sollte ein Testament verfassen?

Ein Testament sollte von jeder Person verfasst werden, die sich eine von der gesetzlichen Erfolge abweichende Regelung für ihren Nachlass wünscht. Die Details der gesetzlichen Erbfolge gemäß polnischem Zivilgesetzbuch werde ich in späteren Beiträgen erläutern.

Vor allem junge Eheleute, die noch keine Kinder haben, sollten sich überlegen, ein Testament zu verfassen.

Nicht immer wissen die Eheleute, dass in einer solchen Konstellation neben dem Ehepartner auch die Eltern in Polen erben. Der überlebende Ehegatte erhält also ½ des Nachlasses und die Eltern des Verstorbenen jeweils ¼. Sind die Eltern verstorben, erben an ihrer Stelle die Geschwister des Verstorbenen, und wenn diese bereits verstorben sind, die Nachkommen der Geschwister (Kinder und Enkelkinder des Bruders oder der Schwester des Verstorbenen).

Wenn es sich also um junge Eheleute handelt, die keine Kinder haben und z. B. ein Darlehen für eine Immobilie aufgenommen haben, die sie gemeinsam mit einem später verstorbenen Ehepartner gekauft haben, gelten folgende Regeln.

  • Das Recht an der mit dem Darlehen belasteten Immobilie geht zur Hälfte in den Nachlass ein,
  • Die Hälfte dieser Erbschaft erbt der überlebende Ehegatte (insgesamt hat er ¾ des Rechts an der Wohnung: ½ aus eigenem Recht und ¼ durch Erbschaft), und je ¼ der Erbschaft erben die Mutter und der Vater des Verstorbenen,
  • Wenn die Erben das Erbe nicht anderweitig aufteilen, werden sie alle Miteigentümer der Immobilie und haften anteilig für die Rückzahlung des Darlehens,
  • Um diese Erbschaftsregeln zu ändern, muss ein Testament verfasst werden.

Ein Testament beinhaltet oft zwangsläufig, dass bestimmte Personen, denen auf Basis der gesetzlichen Erbfolge ein Nachlass zusteht, vom Erbe ausgeschlossen werden. Das Thema der Enterbung werde ich in weiteren Beiträgen behandeln.

Die Errichtung eines Testaments ist auch für Menschen in nicht gesetzlich geregelten Beziehungen wichtig. Unabhängig davon, ob es sich um verschieden- oder gleichgeschlechtliche Beziehungen handelt, erbt der Partner nicht, wenn kein Testament verfasst wurde.

Besonders in internationalen Erbfällen ist es wichtig zu beachten, dass im Testament die Möglichkeit besteht, das Recht zu wählen, nach dem die Erbfolge erfolgen soll. Wenn an einem Erbfall Personen mit zwei oder mehr Staatsangehörigkeiten (z. B. polnisch und deutsch) beteiligt sind , kann im Testament festgelegt werden, welches Recht nach dem Tod des Erblassers gelten soll (d. h. polnisches oder deutsches Recht).

Die Inhalte dieses Beitrages sind sorgfältig recherchiert und dienen der allgemeinen Information über das beschriebene Thema. Gleichwohl kann keine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der veröffentlichten Inhalte übernommen werden. Der Text stellt keine Rechtsberatung dar und kann eine rechtliche Beratung nicht ersetzen.